Welche Pläne Adobe mit Magento verfolgt

Ein Bericht vom Adobe Summit EMEA 2019

Die Mission war einfach formuliert: Herausfinden, wo Adobe mit Magento steht und welche Pläne es verfolgt. Der Adobe Summit EMEA von Ende Mai in London bot die ideale Ausgangslage dafür. Wir erinnern uns: fast genau ein Jahr zuvor hatte Adobe die Übernahme von Magento angekündigt und damit bei Nutzern und Anbietern im Magento-Umfeld sowohl Hoffnungen als auch Befürchtungen geweckt. Ende März dieses Jahres hatte bereits die amerikanische Ausgabe des Summit – natürlich in Vegas – stattgefunden, begleitet von den üblichen Ankündigungen von Produktneuheiten und Initiativen. Viele Neuerungen waren also bereits bekannt – wie z.B. der Launch der Adobe Commerce Cloud, basierend auf Magento als vollwertiger Teil der Adobe Experience Platform. Dennoch machte ich mich nach London auf, um mehr zu erfahren und natürlich auch, um neue Kontakte zu knüpfen.

Neuigkeiten von der Konferenz

Der erste Tag der Konferenz war für Tutorials und den Partner Day reserviert. Wie gross der Adobe Summit in Europa ist lässt sich an der Anzahl Teilnehmer ablesen: 1200 Partner und 6000 Teilnehmer insgesamt, wobei etwa die Hälfte der Teilnehmer aus UK stammte.
Unter dem Titel „Experience-driven Commerce“ wurden zahlreiche Sessions zu Magento und dessen Integration in die Adobe Experience Cloud angeboten. Verschiedene Sessions hatten vor allem zum Ziel, jenen die Möglichkeiten von Magento näher zu bringen, die bisher primär die Marketing-orientierte Palette des Adobe Experience Management-Universums (AEM) kannten. Neben diesen Produktdemos gab es auch „Praktiker-„Sessions mit E-Commerce Managern als Referenten, die über ihre Erfahrungen aus dem Alltag berichteten und Lösungsansätze auf Basis von Magento präsentierten.
Ebenfalls im Angebot waren sogenannte Labs, wo die Teilnehmer auf vorbereiteten Arbeitsplätzen unter Guidance durch Adobe-Mitarbeiter selber Hand anlegen und konkrete Aufgabenstellungen durchspielen konnten. Interessanterweise stiessen die Lab Sessions teilweise auf wenig Interesse, während die Präsentationen sonst durchwegs sehr gut besucht waren. Da die Wege teilweise weit waren, konnte es durchaus passieren, dass man keinen Sitzplatz (und auch keinen Kopfhörer) mehr ergattern konnte, wenn man zu spät kam.
Im sogenannten Community-Bereich waren die Stände der Aussteller platziert, unter denen für meinen Eindruck ausserordentlich viele Anbieter zum Thema GDPRS-Konformität zu finden waren.
Für Magento-Insider waren natürlich vor allem die Sessions zur Produktstrategie und der Marktpositionierung von Interesse. Hier präsentierte Adobe für mich überraschend transparent ihre Marktsicht, die Produktstrategie und den Fahrplan mit Magento. Und hier ergab sich auch die Möglichkeit, mit Adobe-Mitarbeitern aus Strategie, Consulting und Sales in direkten Kontakt zu treten.
In den jeweils vormittags stattfindenden Keynotes wurde vor allem eines klar: Adobe hat aktuell als Leader im Thema Experience Management eine sehr starke Position im Markt, insbesondere bei den grossen Unternehmen, und das über alle Branchen.

Eindrücke und Key Takeaways

  • Adobe hat Magento gekauft, um eine bestehende Lücke in ihrer Plattform zu schliessen und bringt nun seine Sales Power hinter Magento in Position. Dabei nutzt Adobe die bestehenden Kundenbeziehungen und positioniert Magento im Konkurrenzvergleich als leichtgewichtige, aber dennoch robuste und skalierbare Commerce-Lösung, die über ein reifes Feature-Set verfügt, das auch besondere Anforderungen abdeckt.
  • Auch eine Firma wie Adobe braucht etwas Zeit für eine solche Produktübernahme. Die Adobe Commerce Cloud ist offiziell verfügbar (mit einer SLA-Verfügbarkeit bis 99.99%), doch es laufen noch einige Entwicklungsarbeiten. Für die Integration mit Drittsystemen besteht neu ein GraphQL-basiertes API, welches von Adobe für die Einbindung in der Experience Platform selber eingesetzt und laufend ausgebaut wird. Die bisher vorangetriebenen Micro Services werden nur noch für feingranulare Anbindungen auf tieferer Ebene empfohlen.
  • Die Tracking- und Analytics-Möglichkeiten der Adobe Platform sind enorm und bieten gerade auch für den Digital Commerce einen grossen Hebel. Entsprechend hat Adobe sichergestellt, dass mit Magento der Datenaustausch und das Zusammenspiel mit zentralen Services (Stichwort: 360°-Benutzerprofil) funktioniert. Wie in allen Sessions immer wieder betont wurde ist die User Journey die Grundlage jeglicher User Experience-Initiativen, auch auf der AI-unterstützten Adobe Experience Platform (und im Alltag doch immer wieder vernachlässigt wird).
  • Marketo, die zweite grosse Akquisition von Adobe im 2018, wird mit Fokus B2B-Marketing innerhalb der Platform positioniert. Die angekündigte Partnerschaft mit Microsoft ist vor allem auch in diesem Zusammenhang zu sehen, denn Microsoft bringt mit LinkedIn einen wertvollen Schatz an Daten für B2B-Marketing in die Partnerschaft ein. In der sogenannten Open Data Initiative wollen Microsoft, SAP und Adobe zusammenarbeiten, um Benutzerprofildaten über Plattformgrenzen hinweg austauschen zu können. Dahinter steckt offensichtlich eine sehr amerikanische Sicht auf das Thema Datenschutz, die in Europa sicher adaptiert werden muss, was wiederum die oben erwähnte grosse Partnerlandschaft für GDPRS-Konformität erklärt.

Offene Fragen trotz drei aufschlussreicher Tage mit Adobe

  1. Adobe hat keine nennenswerte Open Source-Vergangenheit und ist weiterhin von der Community abhängig, um das Magento-Ökosystem aufrechtzuerhalten. Aber wie wird sich die Magento Community verhalten im Kontext der fortschreitenden „Cloudisierung“?
  2. Der Page Builder soll weiterentwickelt und ausgebaut werden, das Thema Headless ist ebenfalls in der Pipeline. Nähere Details wie auch die Timeline dazu waren nicht zu erfahren.
  3. Gerade im DACH-Raum ist Magento für mittlere und kleinere, international ausgerichtete Unternehmen eine interessante Lösung: hat Adobe die richtige Antwort, um seine Platform auch bei diesem Segment so beliebt zu machen wie bei den ganz Grossen der Welt?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Magento als Produkt sicher eine enorme Verstärkung erfahren hat, nachdem in der Zeit vor der Adobe-Übernahme die Entwicklung etwas ins Stocken geraten war. Die Aussichten für Adobe wie auch die Magento-Community scheinen heute sehr rosig.

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