Digitale Transformation im E-Commerce: Eindrücke von der Commerce Code Talks in Berlin

Die Commerce Special der Code Talks-Konferenzserie von Ende April in Berlin gab in spannenden Talks einen Einblick, welche Tendenzen im Digital Commerce sich entwickeln und wie die digitale Transformation im Handel erfolgreich umgesetzt werden kann.

Besonders spannende Einsichten in die Welt der grossen E-Commerce Player gaben die Talks von Metro, Otto und Galeria Kaufhof. Dabei zeigten sich erstaunliche Parallelen: alle drei verfolgen den Ansatz der kompletten Eigenentwicklung, alle arbeiten mit autonomen Scrum-Teams und alle setzen auf Open-Source-Technologien und den (gerade sehr populären) Microservice-Architekturstil. Otto hat dabei bereits einen beeindruckenden Reifegrad erreicht, während Metro erst vor kurzem gestartet ist. Der Organisationsaufbau orientiert sich primär am Ziel einer hohen Output-Geschwindigkeit. Entsprechend sind die Teams nach fachlichen Aspekten aufgeteilt und erhalten höchstmögliche Autonomie, auch bei der Wahl der eingesetzten Technologien. Dass damit eine Technologie-Vielfalt entsteht und die Teams gewisse Dinge unweigerlich mehrfach implementieren, wird unter der Prämisse „Schnelligkeit“ in Kauf genommen.

Klar aufgezeigt wurde, dass der Weg zum Technologie-Unternehmen anspruchsvoll ist und ein (auch finanziell) hohes Committment verlangt, das sich in diesem Ausmass nur grosse Player leisten können. Verschiedentlich wurden Netflix und Amazon als Vorbilder angeführt. Interessant sind in diesem Zusammenhang die diese Woche von Amazon präsentierten Geschäftszahlen für 2015: der Retail-Bereich operierte mit einer Marge von 3%, während das Cloud-Business (AWS) eine Marge von 24% erreichte. Das Amazon-Modell lässt sich aber schlecht übertragen. Das durchschnittliche E-Commerce-Unternehmen hat nicht den Investitionshorizont eines Amazon und muss mit einer Marge auskommen, die näher bei den 3% als bei den 24% liegt. Wo das richtige Mass an eigener Technologie-Kompetenz für Commerce-Anbieter liegt, wird sich zeigen müssen. Wir sind auch gespannt, wie sich das für B2C- und B2B-Anbieter unterscheiden wird. Metro als B2B-Anbieter hat hier eine sehr beeindruckende Vision präsentiert.

Aber was bedeutet das alles für die gängigen Shop-Systeme und deren Anbieter? Diese Frage wurde vor allem in den Podiumsdiskussionen – teilweise kontrovers – diskutiert.
Präsent waren Vertreter von Shopware, Oxid, Spryker und CommerceTools. Während die grossen E-Commerce-Anbieter also auf Eigenentwicklung setzen und die vorhandenen 3rd-Party-Systeme radikal ablösen, bleibt den kleineren Anbietern nur die Option, auf Standard-Produkten aufzubauen. Dass man mit geeigneten Standard-Komponenten sehr weit kommt, zeigen viele erfolgreiche Beispiele. Angesprochen wurde verschiedentlich, dass die Komplexität im Digital Commerce ständig steigt. Ein wichtiger Faktor dafür ist sicher die zunehmende Integrationsdichte. Um dem entgegen zu wirken braucht es eine sorgfältige Auswahl der Komponenten und einen durchdachten Blueprint für das Zusammenspiel und die Datenflüsse.
Schwieriger zu beantworten ist die Frage der optimalen Plattform für die mittelgrossen E-Commerce-Anbieter – wie z.B. der Schweizer Marktplatz Siroop, der zusammen mit dem Konferenzsponsor Spryker auftrat. Wieweit Siroop langfristig auf Spryker setzen will, welches sich bewusst von den klassischen Shop-Systemen differenziert, wurde aus der Präsentation nicht ganz klar. Auch Siroop verfolgt jedoch die Strategie, nach dem initialen Aufbau mit externen Partnern nun eigene Kapazitäten aufzubauen.

Unser Fazit aus der Konferenz: Kommerzielle Shop-Systeme mit solider Funktionalität und vernünftiger Handhabung haben nach wie vor ihre Berechtigung. Für die grossen Systeme, die sich an grosse E-Commerce-Anbieter richten („SAP hybris“ ist hier als Beispiel gefallen), wird es tendenziell schwieriger im Markt, sollte sich der Trend zur Eigenentwicklung akzentuieren. Wir bleiben dazu aber skeptisch: die nötigen Skills und der finanzielle Einsatz für eine Eigenentwicklung sind einfach sehr hoch.

Was uns auch noch aufgefallen ist: es hatte kaum Vertreter aus der Schweiz, obwohl wir von den deutschen Unternehmen hinsichtlich digitaler Transformation lernen können.

Microservices waren auch an dieser Konferenz ein sehr dominantes Thema. Alexander Graf, der auch als Speaker präsent war, hat einen sehr lesenswerten Beitrag zum Thema Microservices verfasst.