Wird Bitcoin zu einem Meilenstein im E-Commerce?

Über Bitcoin wurde in den letzten Wochen allerorts und intensiv berichtet. Zur Erinnerung: Bitcoin ist eine virtuelle Währung, deren Grundmechanismen auf Kryptologie und dezentraler Verwaltung basieren. Es handelt sich sozusagen um eine Open Source-Kryptowährung, der ein geniales Konzept zugrunde liegt, welches Transaktionen transparent und fälschungssicher aber anonym macht. Die Geschichte von Bitcoin ist in dieser Infografik sehr schön zusammengefasst. Wer genau verstehen möchte, wie eine Transaktion abläuft, sei auf die detaillierte Darstellung hier verwiesen.

In der erwähnten Berichterstattung wurde eingehend auf verschiedene Mängel hingewiesen: der oder die Erfinder sind unbekannt, es gibt keine zentrale Kontrollinstanz, die rechtliche Situation ist unklar, die Währung ist ein beliebtes Mittel für spekulative und kriminelle Aktivitäten, und der Wechselkurs fluktuiert entsprechend heftig. Es wäre deshalb naheliegend, Bitcoin als eine obskure, aber temporäre Erscheinung in der digitalen Welt abzutun. Warum aber gibt es zahlreiche Anbieter (wie z.B. Overstock.com oder die auf Coinmap gelisteten Firmen), welche die Währung bereits als Zahlungsmittel akzeptieren, und wieso werden von angesehenen Investoren Hunderte von Millionen in Firmen wie Coinbase investiert?

Der Grund ist einfach: unsere Zahlungsmittel haben mit der digitalen Transformation nicht mitgehalten. Smartphones in Kombination mit universellem Internet-Zugang geben uns die Möglichkeit, von überall bequem online einzukaufen. Wenn es aber ums Bezahlen geht, kämpfen wir uns durch einen komplizierten Zahlungsprozess mit mehreren Schritten unter Eingabe von persönlichen Informationen, mit grossem Fehlerpotential und der permanenten Unsicherheit, ob die Eingaben vertraulich bleiben. Ausserdem bezahlen wir transparent oder versteckt eine nicht unwesentliche Transaktionsgebühr, die der Händler an den Zahlungsanbieter (wie PayPal, die Kreditkartengesellschaft oder die Bank) abliefern muss. Dies alles fällt noch viel stärker ins Gewicht, wenn es sich um kleine Beträge, sogenannte Mikrozahlungen, handelt, z.B. für einen Online-Artikel eines Journals.

Dieser Umstand hat zu einem riesigen Ungleichgewicht im E-Commerce beigetragen. Für eine Handvoll grosser E-Commerce-Anbieter, bei denen wir unsere Kreditkartendaten hinterlegt haben und entsprechend ohne Hürde bezahlen können (z.B. Apple mit iTunes oder Amazon), sind Mikrozahlungen äusserst profitabel. Für alle anderen E-Commerce-Anbieter bleiben die bekannten Zahlungsabwicklungsanbieter wie PayPal, Paymill, Postfinance, etc. Für kleinere Anbieter sind die Initialisierungs- sowie die Transaktionskosten ein Problem. Und genau deshalb wird dringend eine digitale Alternative zu Papiergeld benötigt, welche Zahlungen vom Käufer zum Verkäufer anonym, schnell und abschliessend abwickelt.

Und genau hier liegt das enorme Potential von Bitcoin. Falls es Bitcoin schafft, als verlässliches Zahlungsmittel und erste echte digitale Währung anerkannt zu werden, so würde dies dem E-Commerce einen neuen Schub verleihen, und vor allem den kleineren Anbietern eine sehr viel bessere Ausgangslage im Kampf um Umsatz und Profitabilität verleihen. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, was sich unter Anderem daran zeigt, dass Norwegen Bitcoins nicht als Währung anerkennt und eine Art Spekulationssteuer erheben will, oder dass Alibaba, immerhin einer der grössten E-Commerce-Anbieter der Welt, Bitcoins nicht mehr akzeptiert. Ob Bitcoin zu einem Meilenstein im E-Commerce oder zur Sternschnuppe wird, ist zur Zeit noch völlig offen.